Liebe empfindungsfähigen Mitlebenwesen,
es ist allgemein bekannt, dass die Spezies Mensch vernunftbegabt ist. Wir sind die Krone der Schöpfung, wir sind zu brillianten Denkleistungen fähig und machen uns das Universum untertan. Doch ich gebe zu, manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass das, was manch Individuum an geistiger Größe erwirbt, den kollektiven Massen abgezogen wird. Exponentiell.
Liebe autofahrenden Mitmenschen,
ihr seid im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis und habt damit nicht nur die erforderlichen Prüfungen abgeschlossen, sondern seid, da offenbar noch am Leben, auch nicht völlig dem Wahnsinn anheim gefallen. Ein gewisses Maß an so genanntem Menschenverstand muss also noch vorhanden sein. Daher möchte ich euch nur ganz dezent erinnern:
Ihr müsst mit einem handelsüblich beanhängerten Auto nicht in der Straßenmitte fahren, das passt.
Ihr müsst in der Ortschaft nicht durchweg 30 fahren. Sonst fühlen sich die 30-Schilder ungebraucht und einsam.
Ihr müsst euch nicht vor Ampeln fürchten und euch nur in Schrittgeschwindigkeit nähern, das freundliche Gerät beißt nicht und ist äußerst kommunikativ, sogar dreifarbig.
Ihr müsst nicht mehr als einen Kilometer vor einer Kurve bremsen, euer Auto braucht seinen Auslauf.
Ihr dürft auch blinken, wenn ihr spontan die Spur wechselt. Missachtet nicht den Fahrtrichtungsanzeiger eures Gefährts, auch er hat Gefühle.
Natürlich habe ich vollstes Verständnis, dass ihr das Freiheitsbedürfnis eures Automobils mitunter missinterpretiert. Die Kommunikation von Mensch und Maschine war schon immer von besonderen Spannungen geprägt.
Wie gut, dass das von Mensch zu Mensch ganz anders ist.
