Montag, 7. November 2011

Shadowrun: Resident Hill, Teil I

Aus dem Tagebuch der Runnerin Blacky, Schamanin, 21.03.2072

7:45
Ich bin wach. Immer noch. Definitiv zu früh (oder spät), um an einem Montagmorgen schon - oder nach einer langen Nacht, wie meine Discobekanntschaft und ich sie durchtanzt, und Sonstiges, hatten, noch nicht in Morpheus Armen zu liegen.

Warum ich den braunhaarigen Wuschelkopf mit den verträumten Augen, ganz gegen meine sonstigen Prinzipien, mit nach Hause nahm, ich weiß es nicht. Ich bin nicht der Typ, der auf ein paar hübsche Augen hereinfällt, glaubt was er sieht, oder aus dem verdrehten Gefühl heraus, die Welt verbessern zu müssen, Streuner zu retten versucht. Vorsicht geht sonst selbstverständig immer vor Vergnügen. Aber er war irgendwie... anders. Dabei ist mir gerade jetzt nicht nach Gesellschaft, ich sehne mich nur noch nach einer Mütze voll Schlaf, um zum mittäglichen Treffen mit Hunter, meinem guten Freund und Taliskrämer, wenigstens halbwegs ausgeschlafen zu erscheinen. 4 Stunden Schlaf reichen, sagt mein Kollege Screw immer gern. Nun ja, ab und zu hat er recht.

Der Duft nach gebratenen Eiern, echten wie es scheint, dringt nebst eifrigem, jedoch unverdächtigem, Geklapper von Irgendwas aus dem Küchenbereich zu mir, und ich bin doch froh, meinen Gast nicht per Wolfsgeist-Schocktherapie aus dem Haus gejagt zu haben. Ein Mann mit Manieren und Stil, wer hätte das gedacht?  

8:00
Ein leiser Pieps meines Kommlinks unterbricht die - gerade durchaus reizvolle - Gedankenkette. Wer in Dreigeisternamen hat bitte mitten in der Nacht nichts anderes zu tun, als mich aus meinem wohlverdienten Wochenende zu reißen? Dass es schon lange nicht mehr Wochenende, oder gar Nacht ist, ignoriere ich beflissen.
Eine Nachricht von conZuseLA. Der vertraute, aber wie immer ob seiner Schreibung ein bisschen lächerlich wirkende Name lasst mich schlagartig aus meinem Dämmerzustand erwachen. Montagmorgen, was für eine Zeit für Runner.
„Sei bitte um Punkt 10:00 Uhr im Archery. Es ist ein Tisch auf Johnson reserviert.“ Downtown also. Meine Laune sinkt spürbar, zumal ich den netten Burschen noch irgendwie loswerden muss...

9:05
Ich bin auf dem Weg zum Treffpunkt. Und natürlich habe ich keinen Geist beschworen, um meinen nächtlichen Gast loszuwerden. Mit einem feinen Gespür für meine Laune hatte er sich, kaum, dass das... Frühstück fertig war, verabschiedet. Guter Mann.

09:50
Der, für seattler Verhältnisse, wenige Verkehr auf den Straßen gibt mir genug Zeit, mir den Wind durch das kurze Haar wehen zu lassen und die düsteren Gedanken zu vertreiben.
Ich stelle meine Indian Pathfinder auf dem Parkplatz des Archery ab und gehe zum Eingang. Der gelangweilte Türsteher winkt mich durch und einmal mehr schmunzle ich ob der weit verbreiteten und leichtfertigen Einschätzung, dass nur sichtbare Waffen eine Bedrohung darstellen. Dabei schwingt auch ein bisschen Enttäuschung wegen meiner Nichtbeachtung mit. Ich will ja nicht selbstverliebt klingen, aber gerae als ganz und gar nicht alltägliche Nächtliche sollte ich doch einen Blick wert sein. Ich trete ein, mustere die Umgebung mit geübtem Blick.

Das Archery scheint von innen wie eine Kombination aus Bibliothek und Restaurant. Mindestens ebenso so viele Bücherregale füllten die Wände, wie Tische den Saal. Soweit man den Aushängen und dem verführerischen Geruch des Büfetts glauben kann, ist die echte (!) Küche hier ausgezeichnet. Auf dem Weg zur nächsten Bedienung streift mein Blick das Angebot, von dem ich nur das allerwenigste identifizieren kann.
Auf meine Nachfrage nach einer Reservierung für Johnson werde ich einem Tisch zugewiesen, um den sich bereits (vermutlich) weitere von conZuseLA bestellte Runner versammelt hatten. Ich strahle, als ich dort nicht nur einen mir unbekannten schwarzbeanzugten Kerl, sondern auch wohlbekannte und befreundete Runnerkollegen, Zwerg Screw und die elfischen Geschwister Claw und Ghost, erblicke.
„Mr. Johnson sagte schon, dass Sie alle wohl nur auf ein bis zwei Heißgetränke bleiben. Was darf es bei ihnen sein?“ fragt die Bedienung reihum und nimmt unsere Bestellungen auf. Ich freue mich auf die heiße Schokolade - mit echtem Kakao, nicht diesem Soygepansche!- und plaudere mit Ghost über ihre Uni und Männer, die insbesondere in Gestalt ihres Bruders nicht besonders gut dabei abschneiden. Was ärgert er sie auch ständig.

10:10
Ich bin so in mein Gespräch vertieft, dass ich Johnson erst bemerke, als er bereits am Tisch sitzt. „Guten Morgen. Ich hoffe der Kaffee schmeckt.", begrüßt er uns kurz, geschäftsmännisch, etwas in Eile.
"Ich möchte, dass sie mir einen Gegenstand in relativ kurzer Zeit beschaffen. Er ist tragbar und die Sicherheit ist unterster Militärstandard - exterritorial. Ich biete jedem von ihnen 10.000 NY.“
Während ich die Ohren spitze und mir mir gedanklich den Fragenkatalog notiere, den es ob dieser spärlichen Beschreibung abzuarbeiten gilt, unterbricht der schwarzbeanzugte Johnson auf erfahrene Runnerart und ist spätestens damit als Mitstreiter identifiziert. Mit einem schon frech zu nennenden Selbstbewusstsein verlangt er, ein bisschen größenwahnsinnig, 15.000 NY je Runner. Mir fällt fast die Kinnlade herunter, als nach einem stummen Kräftemessen der Mann man Kopf des Tisches schließlich nickt und fortfährt. Wer mag dieser unbekannte Runner wohl sein?
"Sind sie dabei?", kommt Johnson, nun einen Hauch weniger gelassen, zum Kern der Sache. Wir nicken. Was auch sonst, schließlich ist das unser Job - und die Bezahlung mehr als verlockend.

„Es handelt sich um einen Prototypen eines verbesserten Smartsystems für Militärrüstungen, der im geheimen entwickelt wurde.", wird Johnson genauer. "Geforscht wurde unauffällig in einem kleinen Ferienhaus am Big Salmon Lake. Sie kommen am besten dorthin, wenn sie in das nahe gelegene kleine Dorf Ronin fahren und von dort aus zu Fuß weiter reisen." Zu Fuß. Bravo. Als hätte ich in letzter Zeit nicht schon genug Zeit in den Wäldern verbracht.
"Sie haben bis morgen früh um 10:00 Uhr Zeit, wenn dort, wie mir ein Informant versicherte, aufgeräumt wird.“, schließt unser Auftraggeber. Das war in der Tat kurzfristig!

Kommentare:

  1. Yeah! Cool!
    Sehr sympatisch geschrieben!

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  2. gleich ein zweites Mal gelesen. Da fühle ich mich ja fast gerungen auch noch etwas auf meine alten Runnertage zu erzählen ;-)

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  3. Wow, sehr gut geschrieben, macht richtig Spaß das zu lesen. :)

    Liebe Grüße, Nalbis

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  4. Gefällt mir auch... :-) Kann ruhig rasch fortgesetzt werden! ^^

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  5. @ Spankey
    =)

    @ Held
    Nur keine Scheu, ihr dürft es gerne immer wieder lesen :D

    @ Nalbis
    Danke!

    @ Mr.Elch
    Der nächste Teil kommt bestimmt.

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  6. Leider ein paar Flüchtigkeitsfehler drin, aber wenn man sie wohlwollend überliest, dann deutet sich hier ein spannender Run an. Wenige Tempuswechsel sind auch dabei.
    Meine Frage wäre nur, ob du noch ein wenig die Fachbegriffe erklären möchtest oder einiges im argen lassen wirst.

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  7. Danke für den Wink, ich hoffe, ich habe inzwischen alle Fehler ausmerzen können.

    Nachdem wir uns schon eine Weile im Shadowrununiversum bewegen, habe ich die verwirrende Begrifflichkeit ganz außen vor gelassen.
    Im Text selbst wären Erklärungen nicht stimmig, denke ich. Ich überlege noch über eine passende Lösung.

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  8. Sehr schön! Das steigert nur meine Erwartungen bzgl. unseres anderen Projekts. ;)

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